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Was soll das?
Ich wachte wie in Schweiß gebadet auf, schreckte hoch, mein Puls war gefühlt auf 580, das Atmen fiel mir schwer. Als würde eine tonnenschwere Last auf meinem Brustkorb liegen. Ich habe versucht, mich zu sammeln, den vergangenen Abend, die Nacht in Erinnerung zu rufen.
Jörn war gestern Abend bei mir. Es war ein netter Abend – so nett, dass Jörn über Nacht blieb. Ok, nicht die ganze Nacht, denn er war nicht mehr da, wie ich mit einem Hauch von Erleichterung feststellte. In meinem Bett saß nur ich, mein dicker Kopf, der sich anfühlte, als würde er gerade Kirmes feiern, und irgendetwas, das mir die Luft zum Atmen abschnürte.
Ich stehe auf, trottete in die Küche, um mir einen starken Kaffee zu kochen. In meinem Kopf tobte die Kirmes weiter, gefühlt fuhr ich Breakdancer. Ich konnte keine klaren Gedanken mehr fassen. Plötzlich tauchten wie auf einer Kinoleinwand Bilder auf. Bilder von mir als etwa Vierjährige, die zu unseren Nachbarn hinüberstapfte. Ich sehe die Gänsewiese, das Stroh, den Gänsestall, den 18-jährigen Sohn der Nachbarn. Zwischendrin flackerten Bilder von der letzten Nacht mit Jörn auf. Ich konnte es nicht einordnen. Schüttelte immer wieder meinen Kopf, in der Hoffnung, diesen Film so ausschalten zu können. Leider ohne Erfolg. Ganz im Gegenteil: Auf einmal stiegen mir auch noch die Gerüche zu den Bildern in die Nase. Das war einfach nur noch gruselig und total schräg.
Ich tigerte durch meine Wohnung wie ein eingesperrtes Tier im Zoo. Dann fiel mir ein, dass ich abends wieder mit Jörn verabredet war. Bei diesem Gedanken wurde mir speiübel. „Bärbel Gröbel! Was stimmt denn nicht mit dir? Du baggerst wochenlang an diesen Typen rum und jetzt wird dir plötzlich schlecht, wenn du nur an ihn denkst? Was soll das?“
Auch im Laufe des Vormittags stellte sich keine Ruhe in meinem Kopf ein. So beschloss ich, die Verabredung abzusagen und dieses Wochenende allein mit meinen wirren und schrägen Gedanken zu verbringen. Vielleicht wird die Kirmes abgebaut und in meinen Kopf kann wieder Ruhe einkehren.
Der Montag kam, das Volksfest war immer noch da. Ich war völlig fertig. Von gutem Schlaf konnte an diesem Wochenende keine Rede sein. Ich brach auch ständig in Tränen aus, ohne wirklich zu wissen, warum. Den Bildern kam ich ebenfalls nicht auf die Spur. Irgendwie wurde alles schlimmer statt besser. Ich war übers Wochenende ein verheultes Nervenbündel geworden und bekam Angst, weil ich nicht wusste, was mit mir los war. Also meldete ich mich auf der Arbeit krank und rief meinen besten Freund Armin an. Zum Glück hatte er heute frei, war recht schnell bei mir, hielt mich erst einmal einfach nur fest – und ich ließ alles los und heulte eine gefühlte Ewigkeit.
Als ich wieder sprechen konnte, erzählte ich Armin von den Ereignissen des letzten Wochenendes. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte, meine Gedanken waren schneller als meine Worte. Aber es tat sehr gut, Armin alles anzuvertrauen. Letztendlich war uns beiden klar, dass mir mein Unterbewusstsein etwas in Erinnerung bringen wollte – etwas, das ich wohl seit meiner Kindheit bis zu diesem Wochenende erfolgreich verdrängt hatte.
Armin bat mich, mir Hilfe zu suchen. Das war einfacher gesagt als getan. Meine erste Anlaufstelle war Dr. med. Benzel, mein Hausarzt. Er schaute mich etwas ratlos an, nachdem ich versucht hatte, ihm meinen Gemütszustand zu beschreiben. Augenscheinlich verwirrte ich ihn – zumindest sah er so aus. „Leiden Sie an Depressionen?“, fragte er dann.
Scheiße, Mann, woher sollte ich das wissen? Ich dachte, du könntest mir sagen, was mit mir los ist.
„Ähh … keine Ahnung, nicht dass ich wüsste“, war meine Antwort.
Dann gab er mir eine Liste, auf der sämtliche Namen mit Kontaktdaten aufgeführt waren.
„Also, das Einzige, was ich Ihnen raten kann: Suchen Sie einen Psychologen auf.“ Dabei tippte er mit seinem Zeigefinger auf den Zettel. „Die sind alle in unserem Kreis ansässig und daher gut zu erreichen.“
„Oh, das ist ja etwas“, entgegnete ich, stand auf, reichte ihm die Hand zum Abschied. Ich wollte nur noch raus aus dieser Arztpraxis. „Leiden Sie an Depressionen?“ – Woher soll ich das wissen? Was ist das überhaupt?
„Alles Gute, Frau Gröbel, und viel Glück bei der Therapeutensuche“, rief Herr Dr. Benzel mir noch hinterher.
„Na, vielen Dank auch!“, dachte ich. Wenigstens hatte ich jetzt Kontaktdaten von Leuten, die mir helfen könnten.
Schnell begriff ich, warum mein Hausarzt mir Glück bei der Therapeutensuche gewünscht hatte – bzw. beim Abarbeiten dieser Telefonliste. Entweder hörte ich nur eine Ansage, ich solle meine Nummer hinterlassen und würde zurückgerufen, oder, wenn ich tatsächlich jemanden an die Strippe bekam, wurde mir gesagt, ich würde auf die Warteliste gesetzt – mit der Bitte, alle sechs Wochen anzurufen, um zu bestätigen, dass ich immer noch ein Gespräch mit der/dem Psycholog*in wollte.
Puh … warum ist das so kompliziert? So lange wollte ich nicht warten. Ich musste mit jemandem reden. So schnell wie möglich. Nicht erst in vielleicht sechs bis zwölf Wochen.
Bei meiner Recherche im Internet stieß ich auf die Anzeige der Frauenberatungsstelle Impulse im Nachbarort. „Das klingt doch gut“, sagte ich zu mir selbst, griff zum Telefonhörer und vereinbarte einen Gesprächstermin für die folgende Woche. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich den Hörer auflegte.
Nun, das sollte genügen fürs Erste. Fortsetzung folgt bald.
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Der erste Schritt
Nun saß ich da, im Wartebereich bei dieser Frauenberatungsstelle. Super nervös und angespannt, aber auch neugierig darauf, wie „so ein Gespräch“ von statten geht. Total schräg alles. Die Dame, die mir die Tür öffnete, hieß mich herzlich willkommen und tat so, als wäre es das normalste auf der Welt, eine Frauenberatungsstelle aufzusuchen. Das tat gut, gab mir etwas Sicherheit. Sie führte mich in ein Wartezimmer, das irgendwie gemütlich war. Auch kein klassisches Wartezimmer wie man es aus Arztpraxen kennt. Es wirkte einladend, schnell schon gemütlich. Meine Augen füllten sich wieder mit Tränen.
Ein ganz tiefer Seufzer kam aus mir heraus. In diesem Moment trat eine Frau zu mir in das Wartezimmer, stellte sich als Sozialpädagogin Frau Paul vor und bat mich ihr zu folgen. Ihre Stimme war freundlich, wirkte beruhigend. Ich trottete hinter ihr her und setzte mich auf einen bequemen Stuhl, den Frau Paul mir zuwies.
Ich wusste zunächst nicht, was ich sagen sollte, wo ich anfangen sollte. „Wie geht es Ihnen?“ Fragte mich Frau Paul mit einfühlsamer Stimme. Wenn ich das wüsste, dachte ich und brach in Tränen aus. Ich kam mir plötzlich total albern vor. Habe ich überhaupt das Recht hier zu sitzen und die Zeit von der Sozialpädagogin in Anspruch zu nehmen? Es gibt Frauen, die wirkliche Probleme haben. Und sich nicht von irgendwelchen Hirngespinsten verrückt machen lassen.
„Ich weiß gar nicht, ob ich hier richtig bin.“ stammelte ich unter Tränen. „Frau Gröbel, es gibt bei uns weder richtig noch falsch. Sie sind hier, weil Sie etwas dazu bewegt hat einen Termin zu vereinbaren. Und das ist gut so.“ Sie reichte mir die Taschentuchbox. Ich zog dankend ein Taschentuch heraus, tupfte meine Tränen aus dem Gesicht und schnäuzte laut hinein.
„Mögen Sie mir etwas von sich erzählen?“ Fragte Sie mit ruhiger Stimme. Dann fing ich langsam an zu reden. Ich erzählte ihr von dem Film den ich gefahren bin. Beschrieb ihr die Bilder, die immer wieder vor meinem inneren Auge auftauchen und wie sehr sie mich verwirrten und ich immer mehr das Gefühl bekam wahnsinnig zu werden. Auch erzählte ich ihr von meiner Idee, dass mein Unterbewusstsein Ereignisse aus meiner Kindheit raus gekramt hat, da sie sich nicht länger verdrängen ließen.
Frau Paul bestätigte mir, dass Kinder sehr gute Verdrängungskünstler sind. Es sei eine von der Natur gegebene Überlebensstrategie traumatisierter Kinder. Sie hält es für durchaus möglich, dass es bei meiner Geschichte auch zutrifft.
Das hieße: Diese Bilder, die ich immer wieder sehe, sind Erinnerungen an eine Situation aus meiner Kindheit. Das würde auch erklären, warum ich den Geruch von Stroh aus dem Stall und den der Gänse so deutlich wahrnehme.
Langsam schließt sich der Kreis. Ich war wie gelähmt, saß da und starrte vor mir hin. Mein Magen zog sich zusammen. Ich spürte wieder diesen Druck auf meiner Brust. Mein Atem wurde kurz und schnell, die Kehle zugeschnürt. Langsam wurde mir klar, dass damals in diesem Stall etwas passiert ist.
Das alles ist kein böser Traum. Es ist ein zur Realität gewordener Albtraum.
Ich muss hier weg. Raus. An die frische Luft.
Frau Paul sah mich besorgt an. Es fällt ihr offensichtlich schwer, mich so gehen zu lassen. Obwohl meine Zeit längst abgelaufen war, gab Sie mir noch eine Übung mit auf dem Weg, wie man Gedanken ausbruchsicher in einen Tresor einschließen kann. Diese Übung sollte ich immer dann einsetzen, wenn meine Gedanken über diesen Traum drohen abzudriften. Zur Sicherheit schrieb sie mir noch eine Notfall-Telefonnummer, die ich bei Bedarf anrufen könnte. Wir machen einen Termin für die nächste Woche aus und verabschiedeten uns.
Ich lief drei zusätzliche Runden durch den Stadtpark, bevor ich zu meinem Auto ging. Versuchte meine Gedanken zu sortieren. Das gelang mir aber nicht. Verwirrt und aufgewühlt fuhr ich nach Hause. Dort angekommen, rief ich sofort Armin an. Er war der einzige, dem ich blind vertraute bin. Armin stand dann am späten Nachmittag mit einem bodenständigen Menü aus einem Sixpack Bier und einer großen Pizza von unserem Lieblingsitaliener vor meiner Tür. Armin gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, wenn er in meiner Nähe ist. Wir verbrachten einen schönen Abend miteinander. Mein Psychoquatsch hatte heute Abend Pause und wurde in den Tresor eingeschlossen.
Vielen Dank für deinen Besuch.
Fortsetzung folgt bald.
Armin
Armin, mein bester Freund, Vertrauter, meine erste große Liebe, Vater unserer wunderbaren Kinder und mein von mir getrenntlebender Ehemann.
Nach über 18 gemeinsamen Jahren wussten wir keinen Ausweg mehr. Irgendwann, irgendwo falsch abgebogen. Zu viele Steine, große wie kleine, lagen auf unserem Weg.
Der größte Stein, nein, einen Brocken warfen uns meine Eltern schon ganz zu Anfang unserer jungen Liebe vor den Füßen.
Die ersten Monate warenst Du ganz ok für meinen Erzeuger. Hast du in unserem beschaulichen Gartenbaubetrieb ausgeholfen, bist du mit Mama zum Markt gefahren, wenn Not am Mann war. Das hast Du sehr gerne geholfen und Dich gefreut von meinen Eltern einbezogen zu werden. Alles war gut, dachten wir.
Bis zu dem Tag als Frau van Trockenpruum, Wochenmarkt-Stammkundin meiner Mutter, mit gerümpfter Nase die Frage stellte: „Frau Pfuhl, ist Ihnen eigentlich die Herkunft des Freundes Ihrer Tochter bewusst? Ich denke, es ist an der Zeit, Sie über diesen Mann aufzuklären.“
Meine Mutter, immer darauf bedacht „was die Leute denken werden“ bzw. Alles daran setzt, dass die Leute nie etwas Schlechtes denken könnten, spitzte natürlich sehr aufmerksam ihre Ohren. Eine Litanei von: „Der Vater hat den falschen Beruf, der Jung ist ein Taugenichts, die meiste Zeit arbeitslos, vom Altersunterschied (9 Jahre) ganz zu schweigen und ein Kind hat er auch schon!“ Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie meiner Mutter die Gesichtszüge entglitten. „Boden tu dich auf. Wie stehe ich denn jetzt da vor Frau van Trockenprumm.“
Frühen Nachmittag, ich war kaum zur Tür hierin, wurde ich schon von meiner Mutter in unserer Küche gefallen. Wort Schwaden präselten auf mich ein. Ob ich das alles von diesem Kerl wüsste. Und das Kind, der hat ja schon ein Kind!! Bärbel, weißt Du überhaupt mit welchem Kerl Du dich da eingelassen hast?“ Mamas Stimme wurde immer schriller. „Du brichst sofort den Kontakt zu diesem, diesem Armin ab!“ Fuchtelte sie mit ihrem recht ausgestreckten Finger vor meinem Gesicht herum.
„Ja, ich weiß alles über Armin. Diese Frau erzählt Lügen. Er ist nicht arbeitslos, er besucht die Technikerschule. Das wusstet Du auch vorher. Du glaubst dieser frigiden Schnepfe doch wohl nicht?
Meine Mutter brachte nur ein Räuspern heraus. Ihr stabiler Blick fixierte mich. Kälte machte sich breit zwischen uns. Das war genug Antwort. Ich brauche keine gesprochenen Worte mehr von ihr. Ich kenne diesen Blick. Sie fällt ihr eigenes Fleisch und Blut in den Rücken. Glaubt einer dahergelaufenen alten Frau, die einmal in der Woche einen Kopfsalat und ein paar Tomaten bei Mama kauft, eher als ihre Tochter.
Nein, ich breche den Kontakt zu Armin nicht ab. Ich liebe ihn, wir lieben uns und wir wollen zusammenbleiben. Hörte ich mich mit zittriger aber bestimmter Stimme sagen.
„Pah, Liebe, Liebe, was weißt Du denn schon davon. Der will doch eh nur das Eine von dir.“
Warum nur dieser Kerl, Bärbel? Warum bist Du denn nicht bei Olaf geblieben. Das war ein so netter Junge aus gutem Hause.“ Theatralisches Geheule folgte.
Ich hörte dieses Gezeter nur noch aus weiter Ferne, klinkte mich aus. In meinem Kopf drehte sich alles, mir wurde übel. Was geschah hier? Ich muss Armin anrufen. Ein bisschen schuldig fühlte ich mich schon, da ich die Tatsache, dass Armin schon Vater einer 4-jährigen Tochter war, meinen Eltern noch nicht erzählt hatte. Wir hatten richtig Schiss vor der Reaktion meiner Eltern. Wollten Sie den richtigen Zeitpunkt abwarten. Aber es wäre wohl immer der falsche Zeitpunkt gewesen, wie ich nun schmerzhaft spüren musste.
Die krächzende Stimme meiner Mutter kam wieder näher. Bitte? Was hast Du gesagt? Ich traue meinen Ohren nicht. Das Schnellste, was ich da hörte.
„Wir oder Er. Solange Du deine Füße unter unserem Tisch hältst, triffst Du dich nicht mehr mit diesem Taugenichts. Also, die Entscheidung liegt bei dir. WIR oder ER!“
Bevor alle Dämme brachen, verließ ich wortlos die Küche um in mein Zimmer zu gehen. Mein Herz raste der Kopf pochte. Der Versuch, dies zu verwirklichen, geschah zuvor in unserer Küche. Wie ferngesteuert ging ich zum Telefon, rief Armin an, um ihn zu beißen, mich so schnell wie möglich abzuholen. Wir machen eine Zeit aus wann er auf mich an der Straße zu unserer kurzen Hofauffahrt warte. Er beeile sich raunte Armin mir beruhigend durch die Hörermuschel in meinem Ohr.
Wie in Trance packte ich meine Klamotten. Einziger Gedanke, raus hier. Nichts wie weg aus dieser vergifteten Atmosphäre. Jeder Ort ist besser als hier in der Eiseskälte zu erfrieren.
An dieser Stelle mache ich Pause. Bin wieder mittendrin in meiner Geschichte. So lange her, doch immer noch kraftvoll. Ein bisschen bleibt immer, höre ich meinen damaligen Psychiater Dr. Krakau sagen, ein bisschen bleibt immer. Wie wahr.
Fortsetzung folgt.
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Frau Paul und dann?
Bei Frau Paul fühlte ich mich sehr gut aufgehoben. Ich vertraute ihr und dem geschützten Raum bei Impuls. Wir sprechen nicht nur über den Missbrauch, den ich als Kind und in meiner Jugend erlebt habe. Wir sprachen auch über das, was gerade in meinem Kopf vorging. Da war ganz schön viel drin. Hundertmillionenfünfzigtausend Gedanken flogen durcheinander. Natürlich nicht sortiert. Neeiiiin.
Es war wie das Gewusel einer Ameisenkolonie, die eifrige ihrem Tagwerk nachgeht. Oder wie der Bandsalat einer guten alten 90er TDK-Gold-Kassette. Manche dieser Gedanken waren ganz schön aufmüpfig und laut. Wollten mit aller Gewalt meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die aufmüpfigen Lauten waren die Gangs of New York in meinem Kopf. Böse, mies, furchteinflößend. Sie ließen kaum Platz für Gutes.
In den Gesprächen mit Frau Paul fingen wir an, den Bandsalat mit einem Bleistift ganz langsam und vorsichtig wieder aufzuwickeln, um die Gangs im Zaum zu halten. Minischritte. Aber wir schufen damit eine Grundlage für die therapeutische Arbeit, die ich in Zukunft dringend brauchen würde.
Leider kamen wir dann eines Tages tatsächlich an den Punkt, an dem Frau Paul als Sozialpädagogin nicht mehr mit mir arbeiten konnte bzw. durfte.
„Frau Gröbel, wir hatten schon zu Beginn darüber gesprochen, dass ich Sie nur ein kurzes Stück Ihres Weges begleiten kann“, sagte sie. Bedauern lag in ihren Augen. „Ich darf zwar keine Diagnose stellen, aber nach allem, was Sie mir erzählt haben, komme ich zu der Vermutung, dass Sie an Depressionen leiden. Daher halte ich es für äußerst wichtig, dass Sie eine Gesprächstherapie bei einem Psychologen bekommen. So schnell wie möglich.“
„Ja, aber genau da liegt das Problem, Frau Paul“, entgegnete ich entmutigt. „So schnell wie möglich. Pah.“ Meine Augen füllten sich mit Tränen und ich erinnerte mich an die diversen Telefonate mit Psychologen genau gesagt mit deren Anrufbeantwortern.
„Unsere Wartezeit beträgt 1–2 Jahre. Bitte hinterlassen Sie nach dem Signalton Ihren Namen und Ihre Telefonnummer. Rufen Sie bitte alle 6 Wochen erneut an, um Ihr Interesse zu bestätigen. Sobald ein Platz frei wird, melden wir uns.“
Zermürbend. Ermüdend. Als wäre ich nicht eh schon müde genug.
Allein die Anrufe waren eine Herausforderung. Mehrere Anläufe, bis ich überhaupt zum Hörer griff. Dann die Telefonnummer wählen. Nicht gleich wieder auflegen. Und das Ganze sechsmal (sechs Therapeuten auf meiner Liste). Alle sechs Wochen. Absoluter Hardcore. Ich wusste nicht, ob ich die Kraft hatte, da diszipliniert dranzubleiben.
Frau Paul nickte verständnisvoll. „Ich weiß, Frau Gröbel. Bitte verzweifeln Sie nicht daran. Zweifeln Sie nicht an sich selbst. Sie bekommen einen Therapieplatz, da bin ich mir sicher.“ Ich saß ihr gegenüber und spürte, wie ich mich in mein Schneckenhaus zurückziehen wollte. Mehr als ein Kopfnicken brachte mich nicht heraus.
Wir haben uns voneinander verabschiedet. Sie drückte mir noch einen Zettel in die Hand. 2 Telefonnummern von karitativen Einrichtungen, die ebenfalls Beratung anboten standen darauf. „Vielleicht können Sie sich damit über Wasser halten, bis Sie einen Therapieplatz gefunden haben.“ „Vielen Dank“, hauchte ich und verließ mit feuchten Augen die Beratungsstelle.
Zu Hause angekommen überkam mich ein Gefühl der Überforderung und des allein gelassen Werdens. Niemand mehr da, der mich versteht. Nur ein Zettel mit 2 Telefonnummern auf dem Küchentisch. Mein Brustkorb zog sich zusammen, Atmen wurde schwer. Ich hörte mich weinen, schluchzen. Hoffnungslosigkeit machte sich breit.
In diesem Moment wünschte ich mir einfach nur Stille. Innen wie außen. Ich war müde, fühlte mich leer und ausgelaugt. „Kopf hoch, Bärbel. Aufgeben ist keine Option . Du hast zwei wunderbare Kinder. Wenn du es gerade nicht schaffst, für dich stark zu sein, dann tu es für die zwei Menschen, die du über alles liebst. Für deine kleine Familie.“
„Ok“, sagte ich zu mir selbst, „Du hast nicht nur einen Zettel. Du hast diesen Zettel von Frau Paul, mit Kontaktdaten an die ich mich vertrauensvoll wenden kann. Es sind zwar nur 2 aber immerhin.“
In den nächsten Monaten habe ich versucht, irgendwie klarzukommen. Es war ein Spagat zwischen meinem „normalen“ Leben und dem Leben, das sich in meinem Kopf abspielte. Ich nannte es mittlerweile mein zweites Ich oder die dunkle Seite in mir . Die Gangs of New York eben. Sie tauchten immer öfter auf, um mir einzureden, wie schlecht und ungerecht die Welt da draußen doch sei.
„Psst, niemand mag dich wirklich. Sie schauen alle nur mitleidig auf dich herab, weil du ein Niemand bist, der nichts kann, nichts auf die Reihe bekommt. Es ist genauso, wie dein alter Herr es dir immer wieder vorgeworfen hat, sieh es doch endlich ein.“
flüsterten sie mit spitzen Zungen. Wortwörtlich kann ich diese Suggestionen nicht mehr wiedergeben, aber inhaltlich gehen sie immer in die gleiche Richtung. Sie machte auch vor den Menschen in meinem nahen Umfeld keinen Halt. Jede Situation wurde „durchgekaut“. Immer mit dem Tenor: Ich bin nichts wert. Ich bin nicht genug.
Diese gemeinen Banditen besuchten mich vor allem nachts. Sie ließen mich erst ein wenig schlafen. Doch gegen zwei Uhr morgens ging ihre Party richtig los. Sie hatten einen Mords Spaß daran, mich wachzuhalten, bis ich aufstehen musste.
Mit der Zeit glaubte ich ihren Worten. Ich begann, mich immer mehr abzuschotten. Sagte Verabredungen kurzfristig ab.
„Mich vermisst doch eh keiner, wenn ich dort nicht hingehe.“
„Meine Freundin ist sicher froh, wenn sie sich meinen Gejammer nicht anhören muss.“
Mein Nervenkostüm wurde immer dünner. Meine Zündschnur immer kürzer. Ich flog für Mückenpipi an die Decke. Teilte aus. Verletzend, ungerecht, laut. Ich fuhr einen ganz miesen Trip, von dem ich erst runterkam, wenn Türen knallten oder ich durch irgendetwas plötzlich erschrak. Erst dann sah ich, was ich angerichtet hatte.
Von Mal zu Mal verletzte ich immer ein Stückchen mehr Seele. Die meines Gegenübers. Und meine eigene.
Danach das schlechte Gewissen. Unermesslich groß. Nicht in Worten zu fassen. Unentschuldbar.
Werde ich langsam wahnsinnig?
Das Karussell zwischen diesen beiden Welten drehte sich immer schneller. Das Gefühl, den Verstand zu verlieren, wurde stärker. Die Gespräche, die ich ab und zu bei der Caritas oder einer kirchlichen Einrichtung führte, halfen nur bedingt. Es ist gut, mit jemandem außerhalb meines Umfeldes zu reden, aber wirklich verstanden fühlte ich mich dort nicht. Eine Gesprächstherapie war weiterhin nicht in Sicht.
Meine Sehnsucht nach Stille und Ruhe wurde größer.
Am 8. Dezember 2007 explodierte schließlich das, was sich in den vergangenen eineinhalb Jahren zusammengebraut hatte.
Armin und ich stritten wieder einmal. Dieses Mal am Telefon. Ich schaukelte mich so hoch, bis ich den Hörer wütend gegen meine Wohnzimmerwand schleuderte.
Ich erschrak. Plötzlich Stille. Für einen Moment.
Was dann geschah, war der Beginn einer endlosen Achterbahnfahrt mit allem Zipp und Zapp.
Ich verlor die Kontrolle über meine Gedanken, über meine Worte, über das, was ich tat. Ich beleidigte, schlug um mich, schrie irgendwelches Zeug herum. Ich war nicht zu beruhigen. Ganz im Gegenteil. Je mehr man versuchte, mich zu besänftigen, desto lauter und verletzter wurde ich.
Irgendwann stand meine Schwägerin, die Frau meines Bruders, vor mir schaute mich an und legte sanft eine Hand auf einen meiner Oberarme. In diesem Moment begann die Achterbahn langsam an Tempo zu verlieren. So lange, bis sie schließlich zum Stillstand kam.
Ich stieg grummelnd aus, sah Andrea an.
Sie durften bleiben.
Dann war Stille um mich herum.
Und dunkel.
Endlich.
Nun ist das vierte Kapitel meiner Geschichte niedergeschrieben.
An dieser Stelle möchte ich mich bei zwei ganz besonderen Menschen bedanken – meinen Lebensrettern.
Armin
Du warst in der schlimmsten Zeit meines Lebens für mich da. Obwohl sich unsere Lebenswege längst getrennt hatten, bliebst Du mein Freund, mein Vertrauter.
Trotz der Gangs in meinem Kopf, die dir den Umgang mit mir oft sehr schwer gemacht haben, hast Du zu mir gestanden, an mich geglaubt.
„Ich wusste immer, dass es nicht Du warst“, war deine Antwort auf meine Frage, warum Du nach all dem keinen Groll gegen mich hegst.
Ich bin dir auf ewig dankbar – für das und für alles, was uns verbindet.
Andrea
Ich glaube, das Universum hat dir eine Bürde zugeschoben, die sehr schwer für dich zu tragen war. Du warst diejenige, die mich aus dieser stundenlangen Höllenfahrt erlösen konnte.
Deine geduldige Ruhe, deine vorsichtige, aber bestimmt fordernde Wortwahl begleitet mich an einen Ort, der mir richtig Angst machte. Aber, liebe Andrea, das war das einzig Richtige.
Du gabst mir die Kraft, die ich nicht mehr hatte.
Dafür bin ich dir auf ewig dankbar.
Ganz lieben Dank dafür, dass Du mir folgst und Dich für meine Geschichte interessierst. Die Fortsetzung folgt, wenn ich bereit dafür bin. Also dann, bis bald. Liebe Grüße Bärbel - Hinterlasse mir gerne eine Nachricht.
Herrbert ist zurück
Wenn der Joker wieder grinst
Aus aktuellem Anlass springe ich in diesem Kapitel in die Gegenwart.
Weil ich muss. Weil ich nicht anders kann.
Ich kann nicht von meiner Heilung schreiben, wenn der kleine, miese Drecksack wieder mit Sack und Pack bei mir eingezogen ist.
Er macht es ja ganz geschickt. Dumm ist er nicht. Das muss ich ihm lassen. Er schleicht sich gaaaanz laaangsam an. Vorher checkt er die Lage. Von seinem Bauch getarnten Base aus, in die er sich verkriecht, nach einem verlorenen Kampf, um seine Wunden zu lecken. Dabei malt er sich schon den nächsten Übergriff aus. In den dunkelsten Farben, natürlich.
Herrbert ist sehr geduldig. Ihm ist es egal, wie viele Monate, ach was sage ich, sogar Jahre er warten muss, bis genau dieser eine richtige Moment, sein Moment gekommen ist, um zur Überraschung wie eine Tänzerin aus der Torte zu springen.
Ich kann nie den Zeitpunkt festlegen, wann Herrbert sich wieder zum Anschleichen positioniert hat. Ich bemerke, dass es nicht rechtzeitig ist. Das ist das Gemeine an ihm.
Rückblickend kann ich sagen, dass ich mich schon einige Wochen vor meinem Weihnachtsurlaub müde, ausgelaugt und antriebslos gefühlt habe. Obwohl ich voller Vorfreude auf meinen Hund war, den ich Mitte Dezember bekommen sollte. Ich glaube, dieses freudige Ereignis hat mich bis in den Urlaub getragen.
Pünktlich zu Weihnachten bekam ich einen Infekt. Er ebbte nach den Feiertagen wieder ab, bis er Silvestervormittag erneut anklopfte und meinte, es sei doch viel schöner, ins neue Jahr hineinzuschlafen, als mit meinen Freunden zu feiern.
Prosit Neujahr, konnte ich dazu nur sagen.
In den nächsten Wochen hörte dieses Kommen und Gehen der Symptome nicht auf. Immer wieder hatte ich das Gefühl, krank zu werden. Gliederschmerzen. Husten. Eine triefende Nase. Was blieb, war die Erschöpfung, die Antriebslosigkeit.
Unter der Woche ging es mir befriedigend bis ausreichend. Abends war ich viel zu müde, um zu Hause noch irgendetwas auf die Reihe zu bekommen. Meine beiden Fellnasen zu versorgen, ging immer. Den beiden muss es gut gehen. Sie können nichts dafür, dass es mir nicht gut geht.
Es war Wochenende. Die Erkältung hatte mich komplett lahmgelegt. Wieder einmal alles abgebrochen, was ich mir vorgenommen hatte. Das kotzte mich an. Ich war wütend und traurig zugleich. Hilflosigkeit und Ohnmacht breiteten sich in mir aus.
„Ich kann nicht mehr! Ich kann und will auch nicht mehr!“
Hörte ich mich sagen und fing bitterlich zu weinen.
In diesem Moment wurde mir bewusst, dass Herrbert wieder da ist.
Dieses Mal erschien er still und leise. Ohne Getöse, ohne Tamtam . Aber hämisch grinsend, als Sieger positioniert pfuscht er schon seit Wochen in meinem Immunsystem herum.
„Früher oder später krieg ich dich doch wieder und knocke dich aus, du starke Frau, die alles hinbekommt und schafft. Ha. Wohl doch nicht!“
Ich sehe gerade den Joker mit seiner Fratze vor mir. Genau so steht Herrbert vor mir.
Um ihm sein frech Maul zu stoppen, schlug ich auf ihn ein. Wieder und wieder und wieder. Es war zwecklos. Er war in diesem Moment stärker. Also ergab ich mich.
Voilà. So sieht es aus.
Nach fast zehn Jahren ohne große Episoden sitze ich wieder vor meinem Psychiater. Ich kann von Glück reden, dass ich überhaupt einen Arzt habe, der mich behandelt. Nachdem meine Ärztin in der Ambulanz mich eigentlich nicht mehr behandeln durfte, O-Ton der Krankenkasse (unglaublich), wurde ich durch einen Zufall zu meinem jetzigen Psychiater geführt. Dafür bin ich unendlich dankbar. Meine Freundin würde jetzt sagen, es gibt keine Zufälle. Das ist Führung. Ich habe sie so geliebt.
Und trotzdem bestürzt es mich immer wieder aufs Neue, wie schwierig es ist, Hilfe zu bekommen, wenn die Seele, die Psyche erkrankt ist.
Damals, 2006, war es schon nicht einfach.
Aber jetzt, zwanzig Jahre später, scheint es fast unmöglich.
Als wäre es nicht schon schwierig genug, mit Depressionen zu leben, geschweige denn Verständnis und Empathie aus den Reihen unserer Gesellschaft zu erfahren.
Im Februar 2026
Trockenshampoo
Die beste Erfindung aller Zeiten!
Ich bin sehr froh und dankbar, ein stabiles soziales Umfeld zu haben. Zu erfahren, dass ich bedingungslos von Menschen geliebt und begleitet werde, ist ein großes Geschenk für mich und hilft mir sehr bei meinem Heilungsprozess.
Dennoch fällt es mir aktuell schwerer als sonst, soziale Kontakte zu pflegen. Am liebsten würde ich mir jeden Morgen die Decke über den Kopf ziehen und dortbleiben. In meinem Bett. Nichts hören, nichts sehen, weil mir alles zu viel erscheint. Mein Körper fühlt sich dann an wie Blei und jede Bewegung erscheint unmöglich. Als alter Hase in dieser „Branche“ weiß ich natürlich, dass sich zu verkriechen überhaupt keine Option ist. Ich würde nur immer tiefer in den Depressionssumpf einsinken.
Ich stehe jeden Morgen auf. Es kostet mich noch sehr viel Überwindung, aber ich stehe auf. Das allein ist schon ein kleiner Sieg. Dabei helfen mir meine beiden Fellnasen sehr. Sie haben Bedürfnisse und melden diese auch ohne Einschränkungen an. Meine Katze kann dabei besonders penetrant sein. Die beiden tun mir unheimlich gut und tragen zum Erhalt meiner Strukturen bei.
Mit dem Aufstehen allein ist es aber nicht getan. Die Morgenhygiene steht an. Duschen, Zähneputzen etc. Da mein bleierner Körper schon aufgestanden ist, schiebe ich diesen Punkt der Tagesordnung gerne nach hinten. Das Duschen ist für mich die größte Herausforderung. Das fällt dann auch schon mal mehrere Tage aus. Da ich lange Haare habe, komme ich gut eine Woche ohne Haarewaschen aus, ohne dass es optisch groß auffällt. Hoch lebe die Erfindung des Trockenshampoos und des Messy Buns!
Im Winter ist es relativ einfach, mit Bad Hair Days vor die Tür zu gehen. Mütze auf den Kopf, fertig. Das gestaltet sich im Sommer schwieriger. Okay, es gibt Caps. Die stehen mir aber nicht. Dann bleibe ich lieber dabei, meine depressiven Episoden im Winter zu bekommen. Wenn ich schon mit so einem Scheiß zu tun habe, dann möchte ich mir wenigstens die besten Stückchen aus der Sahnetorte picken.
Eines ist klar: Meinen Humor bekommt der kleine Drecksack nicht klein. Er ist einer von den Wegen, den unerwünschten Besucher eines Tages wieder loszuwerden. Denn meinen Humor versteht er nicht. Er findet ihn äußerst lästig und abstoßend.
Na dann, auf in den „Kampf“! Wer zuletzt lacht, lacht am besten!
Im Februar 2026
Wut tut Gut
Es lachen noch alle beide. Er und ich. Laut und leise.
In Momentaufnahmen sehe ich, wie Herrbert siegessicher in die Kamera der Soap- Reality-TV-Show grinst. Breit und überlegen. Ich stehe wie ein bewegungsloses Etwas mit abgeknicktem Kopf daneben. Mein Körper ist wie Blei, so schwer. Meine Füße sind wie in Zement gebadet und vergessen worden. Irgendwer applaudiert und jubelt Herrbert zu. Alle Spots sind auf ihn gerichtet.
Ist mir recht.
Das ist die Gelegenheit, mich still und leise zu verpissen. „Geh einfach“, höre ich mich denken. „Geh, bekommt doch jetzt gar keiner mit. Es interessiert eh niemanden, ob du hier bist oder nicht.“ Ich nicke und will ganz schnell loslaufen. Doch ich bewege mich wie im Zeitraffer. Ich komme nicht weg. So sehr ich mich auch anstrenge. Ich bleibe auf der Stelle stehen. Mein Körper aus Zement und Blei lässt sich keinen Millimeter bewegen.
Hoffnungslosigkeit macht sich in mir breit. Alles ergibt doch keinen Sinn mehr.
Ein Schleier aus Tränen verdunkelt meine Sicht. Wenn jetzt der Vorhang fällt, hätte ich meine Ruhe und Leichtigkeit zurück. Diese Vorstellung erfüllte mich für ein bis zwei Sekunden mit wohliger Wärme. Doch dann holt mich mein lautes Schluchzen aus diesem Film heraus.
Jetzt kommt die Scham. Die Scham, als Mutter von zwei Kindern, als Frauchen und Sklavin von zwei Fellnasen, als Schwiegermutter in spe, als Oma von zwei Hunden, als Schwester und Tante, als Schwägerin, als Freundin, als Nachbarin, als Teil des Chors und als Mitarbeiterin so etwas zu denken. Sich so etwas nur im Ansatz vorstellen zu können. Nur, weil ich gerade nicht weiß, wie es weitergehen soll?
Du hast doch einen Knall!
Ja, den habe ich. Das habe ich sogar schriftlich. Er ist medizinisch bewiesen. Das genau ist ja der Grund für das ganze Debakel, mit dem ich mich schon wieder viel zu lange herumschlagen muss. Zehn Jahre lang war, bis auf kleine Wellen, alles gut. Ich kann gerade gar nicht in Worte fassen, wie sehr mir das auf den nicht vorhandenen Sack geht.
Ich bin wütend.
Das ist gut.
Denn ich fühle.
Ich nehme es wahr.
Dann ist es gut, dass ich wütend bin.
Denn ich lebe.
Im April 2026
Der Weg ist das Ziel
Manchmal schaue ich auf meinen Weg und sehe zuerst nur das, was noch vor mir liegt. Dann vergesse ich, wie viel ich bereits geschafft habe. Heilung geschieht nicht immer in großen Schritten. Oft zeigt sie sich ganz leise. Darin, dass ich heute früher merke, was mir nicht guttut. Dass ich eine Grenze setze. Oder dass ich mir eine Pause erlaube, ohne mich dafür zu verurteilen.
Seit meinem letzten Eintrag sind gut vier Monate vergangen. Es waren Monate des Schmerzes, des Heulens, des Verzweifelns – mit den dunkelsten Tagen meines Lebens. Aber es waren auch Monate, in denen wieder Hoffnung aufkeimen konnte. In denen ab und zu Sonnenstrahlen den Weg zu meinem Herzen gefunden und mein Ich langsam wieder zum Leben erweckt haben. Wie ein Frühlingsanfang nach einem langen, kalten Winter.
Auf diesem Weg sind mir Dinge begegnet, die ich weder sehen noch hören oder fühlen wollte. Das half mir dabei, zu sortieren, was einen Platz in meinem Leben verdient hat und was nicht. Ein Frühjahrsputz der Seele ist ein schöner Ausdruck dafür.
Vor meinem inneren Auge erscheint meine Seele wie ein alter, staubiger Dachboden. In einer Ecke liegen alte, abgeranzte Koffer, umgeben von Spinnweben und dem modrigen Geruch längst vergangener Reisen. Daneben entdecke ich vergilbte Fotos, ganz blass und nahezu farblos. Kaum ist noch zu erkennen, wer oder was darauf abgelichtet wurde.
Ich lasse meinen Blick weiter durch den Raum schweifen. Ein heller Sonnenstrahl fällt durch die Dachluke und rückt einen alten Puppenwagen mit gebrochener Radachse ins Rampenlicht. Unmittelbar daneben liegen mehrere unsortierte Stapel Bücher. Es sind die Bücher, die mein Leben geschrieben hat.
Für einen Moment wird mein Herz schwer, mein Atem stockt.
„Nein“, höre ich mich zu mir sagen. „Du musst nicht jedes Buch, jedes Foto oder jeden Koffer betrachten. Betrachte nur die, deren Geschichten noch nicht abgeschlossen sind. Alle anderen lass dort stehen, wo sie sind. Sie haben ihren berechtigten Platz. Durch sie bist Du der Mensch geworden, der Du heute bist.“
Ist es das, was damit gemeint ist: Der Weg ist das Ziel? Bedeutet der Weg, Erfahrungen zu sammeln, um dadurch Erinnerungen zu schaffen, durch die wir geformt werden? Oder formen wir uns selbst? Ist dies der Weg, von dem wir uns leiten lassen, wenn wir es zulassen?
Dann ist auch jeder Tag, den wir erleben, ein Ziel. Jede Begegnung, jedes Gespräch und jede Entscheidung gestalten unseren Weg jeden Tag ein wenig neu. Somit haben wir nach jedem Sonnenaufgang die Chance, unsere Farben und Facetten so zu lassen, wie sie sind, oder sie ein wenig zu verändern.
Während der Vorstellung dieses Bildes und des Schreibens wurde ich von einer unglaublichen Dankbarkeit erfüllt. Mir wird bewusst, welch großes Geschenk jeder einzelne Tag für mich ist.
„Staub wischen reicht für heute.“ Sagte ich zu mir und zog die Luke zum Dachboden wieder zu.
Im August, 2026
Die Sicherheitsbeauftragte in mir
Was ist Angst eigentlich?
Diese Frage beschäftigt mich gerade. Nicht, weil ich ständig große Angst habe. Eher, weil sie sich bei mir manchmal ganz leise einschleicht. Als Unruhe. Als Druck. Als Gedanke, lieber nicht hinzugehen, abzusagen oder mich zurückzuziehen.
Wenn ich vor einer neuen Situation stehe, beginnt mein Kopf zu arbeiten. Und da ich eine Meisterin im Zerdenken bin, male ich mir natürlich alles Mögliche aus. Was könnte passieren? Was wird von mir erwartet? Wer begegnet mir dort? Schaffe ich das überhaupt?
Inzwischen weiß ich: Nicht unbedingt die Situation selbst macht mir Angst. Es ist das Unbekannte. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, und kann deshalb nicht kontrollieren, was passieren wird.
Meine erste Reaktion darauf ist häufig Flucht.
Geh nicht hin. Sag ab. Bleib lieber zu Hause. Dann kann dir auch nichts passieren.
Während meiner Reha hatte ich zum Beispiel gleich in der ersten Woche meine erste Gruppentherapie. Gruppentherapie war mir nicht fremd. Trotzdem war ich aufgeregt und nervös. Mein Kopf hatte bereits verschiedene Möglichkeiten durchgespielt, obwohl noch gar nichts passiert war. Und irgendwo zwischen all diesen Gedanken tauchte sie auf: die Angst.
Für diese Stimme in mir habe ich inzwischen einen Namen: meine innere Sicherheitsbeauftragte.
Meine Sicherheitsbeauftragte nimmt ihren Job sehr ernst. Eigentlich macht sie einen 24/7-Job, obwohl ich ihr gerne zwischendurch einmal freigeben würde. Aber so weit sind wir noch nicht. Nicht einmal annähernd.
Sie sitzt ständig an ihrem Schreibtisch, beobachtet die Lage und löst lieber einmal zu viel Alarm aus als einmal zu wenig. Neue Situation? Alarm. Unbekannte Menschen? Alarm. Keine vollständige Kontrolle? Großalarm.
Früher habe ich diesen Alarm häufiger für die Wahrheit gehalten. Heute schaffe ich es immer öfter, meiner Sicherheitsbeauftragten zuzuhören und ihr Fragen zu stellen:
Was meinst du denn jetzt konkret?
Was könnte mir tatsächlich passieren?
Was macht dir gerade solche Sorgen?
Dann bemerke ich: Sie möchte mich beschützen, obwohl gerade gar keine wirkliche Gefahr besteht. Sie weiß nur nicht, was auf uns zukommt. Also empfiehlt sie vorsorglich den Rückzug.
Ich bin damals trotzdem zu dieser Gruppentherapie gegangen. Nicht, weil die Aufregung plötzlich verschwunden war. Ich habe sie mitgenommen. Ich wusste, dass meine erste Reaktion auf unbekannte Situationen häufig Flucht ist. Aber ich wusste auch, dass ich nicht jeden Fluchtgedanken in die Tat umsetzen muss.
Ist genau das Mut? Angst zu haben, sie wahrzunehmen und trotzdem loszugehen?
Doch dann stellte sich mir eine weitere Frage: Muss ich mich jeder Angst stellen? Muss ich wirklich immer hingehen, durchhalten und beweisen, dass ich es kann?
Ich glaube nicht.
Denn es gibt einen Unterschied zwischen einer unbekannten Situation, die mir vorsorglich Angst macht, und einer Situation, von der ich bereits weiß, dass sie mir auf Dauer nicht guttut.
Ich singe sehr gerne. Zurzeit singe ich in zwei Chören. Einer davon ist ein Projektchor. Wir proben für ein Konzert, und wenn das Konzert vorbei ist, endet auch das Projekt. Der andere Chor ist ein fester Chor, der das ganze Jahr über einmal wöchentlich probt.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich immer weniger gerne zu diesem festen Termin gehe. Nicht, weil ich nicht mehr gerne singe oder die Menschen dort nicht mag. Ganz im Gegenteil. Singen und die Gemeinschaft tun mir gut. Beides füllt meinen Energiespeicher wieder auf. Aber rund um den Chor entstand bei mir immer mehr Druck.
Ich muss üben. Ich muss mir die Stücke ansehen. Ich muss vorbereitet sein. Ich muss meinen eigenen Ansprüchen genügen.
Da es mir im Moment ohnehin nicht immer leichtfällt, mich zu strukturieren, vergesse ich das Üben zwischendurch oder beginne erst kurz vor der nächsten Probe damit. Dadurch wird aus der Freude am Singen schnell eine weitere Verpflichtung, die ständig in meinem Hinterkopf sitzt.
Auch der Projektchor bringt diesen Druck mit sich. Aber er ist zeitlich begrenzt. Ich weiß, wann das Konzert stattfindet und wann das Projekt endet. Danach darf eine Pause kommen. Irgendwann beginnt ein neues Chorprojekt, auf das ich mich wieder freuen kann. Dann kann ich in Gemeinschaft singen, meinen Energiespeicher auffüllen und anschließend auch wieder eine Zeit lang zur Ruhe kommen.
Beim festen Chor dagegen wäre der Druck dauerhaft geblieben. Also habe ich hingeschaut und mich gefragt: Was tut mir gut? Was kostet mich diese Situation? Und was passiert, wenn ich sie einfach weiter aushalte?
Ich habe mich gegen den festen Chor und für die Projektchöre entschieden.
Ist das Flucht? Für mich fühlt es sich nicht so an. Ich kenne die Situation. Ich habe sie nicht vorschnell aus Angst vor etwas Unbekanntem verlassen. Ich habe über einen längeren Zeitraum beobachtet, was sie mit mir macht. Und ich habe erkannt, dass der dauerhafte Druck mehr Energie verbraucht, als das Singen mir zurückgeben kann.
Nicht jedes Nein ist eine Flucht. In diesem Fall ist das Nein eine bewusste Entscheidung für die eigene Gesundheit.
Ich muss mich nicht jeder Angst stellen, indem ich alles aushalte. Ich stelle mich ihr gerade dadurch, dass ich genau hinsehe. Habe ich Angst, weil etwas neu und unbekannt ist? Oder weiß ich aus Erfahrung, dass mir diese Situation dauerhaft nicht guttut?
Das eine darf ich wagen. Das andere darf ich loslassen.
Und dann gibt es noch eine andere Angst, die ich besonders gut vom Arbeitsplatz kenne.
Wenn mein Vorgesetzter anruft oder mein Büro betritt, schießt mir oft sofort ein Gedanke durch den Kopf:
Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?
Dabei weiß ich in diesem Moment noch gar nicht, weshalb er zu mir kommt. Vielleicht möchte er mir etwas diktieren. Vielleicht hat er eine Frage. Vielleicht geht es überhaupt nicht um einen Fehler. Trotzdem ist der Gedanke sofort da.
Dann meldet sich nicht nur meine Sicherheitsbeauftragte. Dann steht auch die kleine Bärbel plötzlich neben mir.
Die kleine Bärbel hat früh gelernt, dass Fehler besser nicht passieren sollten. Dass sie alles richtig machen muss. Dass ein Fehler Kritik, Ärger oder Ablehnung bedeuten kann. Deshalb wird aus einem möglichen Fehler in meinem Kopf sehr schnell etwas viel Größeres.
Aus „Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht“ wird „Ich habe versagt“.
Der Fehler bleibt nicht bei der Sache. Er wird zu einem Urteil über mich als Person.
Heute weiß die erwachsene Bärbel, dass ein Fehler kein Versagen ist. Ich weiß, dass Menschen Fehler machen. Ich weiß auch, dass eine Frage oder eine Rückmeldung nicht automatisch Kritik bedeutet. Aber dieses Wissen erreicht die kleine Bärbel nicht immer sofort. Sie reagiert auf das, was sie früher erlebt und gelernt hat. Und meine Sicherheitsbeauftragte? Die löst vorsorglich schon einmal Alarm aus.
Deshalb geht es für mich nicht darum, meine Angst zum Schweigen zu bringen. Ich möchte ihr zuhören und gleichzeitig lernen, Gegenwart und Vergangenheit voneinander zu unterscheiden.
Was geschieht gerade wirklich?
Und was erinnert mich nur an etwas, das früher einmal war?
Ich möchte lernen, einen Fehler als das zu betrachten, was er ist: ein Fehler. Kein Beweis dafür, dass ich versagt habe. Kein Urteil über meinen Wert. Und kein Grund, mich innerlich wieder klein zu machen.
Meine Sicherheitsbeauftragte darf sich weiterhin melden. Sie darf ihre Bedenken vortragen und mich auf etwas aufmerksam machen. Aber sie muss nicht mehr allein entscheiden. Ich kann ihr zuhören, nachfragen und anschließend selbst prüfen, was ich brauche.
Muss ich meine Angst mitnehmen und trotzdem losgehen?
Oder darf ich eine Grenze ziehen, weil mich etwas dauerhaft erschöpft?
Spricht gerade die erwachsene Bärbel, oder braucht die kleine Bärbel einen Moment lang meine Hand?
Auf all diese Fragen werde ich vermutlich nicht immer sofort eine Antwort finden. Aber ein anderer Umgang mit meiner Angst beginnt genau dort: nicht beim Weglaufen und auch nicht beim blinden Durchhalten, sondern beim Hinsehen.
Und dann darf ich der kleinen Bärbel sagen:
Du musst nicht alles richtig machen.
Du darfst Fehler machen.
Du bist nicht allein.
Ich bin bei dir und passe auf dich auf.
September 2026
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